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Das Werk

Carl Orff, der Magier

geb. 10. Juli 1898 in München
gest. 29. März 1982 in München

Seine "Carmina Burana" wurde am 8 Juni 1937 in Frankfurt am Main uraufgeführt, in einer szenischen Version des dortigen Opernhauses.
Orff unterteilt sein Werk in folgende Abschnitte:

   Fortuna Imperatrix Mundi
   I. Primo vere. Uf dem Anger (Frühling. Auf dem Anger)
   II. In Taberna (Im Wirtshaus)
   III. Cour d'amours (Hof der Liebschaften)
   Blanziflor et Helena

Nach der Uraufführung wurde das Stück zunächst (wohl aus politischen Gründen) sofort abgesetzt, dann aber noch vor 1945 von namhaften Dirigenten (Herbert von Karajan, Karl Böhm u.s.) aufgeführt. Heute ist es das meistgespielte Werk der sogenannten E-Musik!

Verba magica

"Fortuna hatte es gut mit mir gemeint, als sie mir einen Würzburger Antiquariatskatalog in die Hände spielte, in dem ich einen Titel fand, der mich mit magischer Gewalt anzog: Carmina Burana". So schreibt Carl Orff in seinen Erinnerungen. Die illustrierte Handschrift, die er wenig später in Händen hielt, war eine Sammlung von geistlichen Schauspielen, satirischen Gedichten, derben Trink- und süßesten Liebesliedern aus dem Europa des 12. und 13. Jahrhunderts. Im Zuge der Säkularisation waren sie aus der Bibliothek des Klosters Benediktbeuern in die Münchener Staatsbibliothek gebracht worden. Orff wählte aus den rund 250 Texten meist in Mittellatein und Mittelhochdeutsch abgefasst, 25 aus.

Warum sie eine solch magische Wirkung auf ihn ausgeübt haben, hat wohl vielerlei Ursachen: Orff war Musiker, Rhythmiker, Klangmensch, Sprachklangmensch. Er liebte die alten Sprachen, Latein und Griechisch beherrschte er fließend. Über die Kraft der Sprache schrieb er einmal: "Die Magie der Sprache ist schon Musik, musikalisch empfindbar. Und sie ist stark, sehr stark. Die Sprache steht hinter den Dingen. Man muss sie noch nicht einmal verstehen, um diese ihre Magie aufnehmen zu können. In diesem Sinn und in ihrer allgemeinen Verbindlichkeit sind die toten Sprachen die lebendigsten, die es gibt, die kommunikativsten. Sie wirken in der ganzen Welt." (Ob er wohl geahnt hat, dass seine "Carmina Burana" das weltweit meistgespielte klassische Musikstück sein würde?)
Verba magica - magische Worte - hat er damals gefunden und vertont.

Aber die Worte wirken auch noch auf einer anderen Ebene: sie rufen Assoziationen hervor. Bei lateinischen Texten denken wohl viele zunächst an einen geistlichen Inhalt. Jeder Mensch reagiert in verschiedener Art und Weise auf sprirituelle Texte. Die einen mit Ehrfurcht, andere mit Demut, wieder andere mit Abwehr, manche fühlen sich mit erhoben, manche abgestoßen. Gleichwie, es gibt emotionale Reaktionen.
Doch im Falle der "Carmina Burana" werden alle in die Irre geführt: "Ave formosissima, gemma pretiosa, ave mundi rosa..." heißt es hier beispielsweise. Es klingt nach religiösem Inhalt, nach den Anrufungen einer marianischen Litanei. Weit gefehlt. Blanziflor wird besungen, die große Liebende des Mittelalters, Helena und Venus. Und wenn der Bariton singt: "Ego sum abbas!", "Ich bin der Abt!", würde man dann vermuten, dass sein Konvent aus Saufbrüdern und Würfelspielern besteht?
Diese Texte stehen in der Tradition der sogenannten Eselsmessen, einer persiflierten Heiligen Messe, die einmal im Jahr in den Kirchen abgehalten werden durfte. Dazu wurden die Rollen getauscht: Der hohe Klerus musste seine Ämter abgeben und den Altarraum den "Narren" überlassen. Diese ersetzten alle liturgischen Texte durch humorvolle, satirische, moralische, kirchen- und gesellschaftskritische und erotisch-zweideutige Dichtungen.
Sowohl die Assoziation eines geistlichen Inhalts als auch die ironische Variante erheben den Hörer/Leser über die Niederungen des täglichen Lebens, lassen ihn in eine andere Welt eintauchen, berühren ihn in der einen oder anderen Weise.
Auch eine Art Zauber.
Und Orff hatte sicher Spaß an diesen Wortzaubereien! Ihm saß nicht nur der Intellekt, sondern auch der Schalk im Nacken. Der bajuwarische...
Wenn wir den Zauber in den Texten der "Carmina Burana" suchen, darf die Erotik nicht fehlen. Versteht man den Text, wird man von den manchmal sehr feinen, manchmal sehr derben Versen über Liebesfreuden (Nr. 5, 8 und 19...) und Liebesleid (Nr. 7) in Bann gezogen. Jeder weiß, dass auch bei diesem Thema Fortuna ihre Finger im Spiel hat. Und wenn Orff dann den Worten "Dulcissime! totam tibi subdo me!" - "Du Süßester! Ich ergebe mich dir ganz!" einen eigenen musikalischen Satz widmet, so ist kein Wort zuviel und alles gesagt.

In den Liebes- und Frühlingsliedern ("Primo vere", "Cour d'amours") möchte Orff möglicherweise noch eine weitere Dimension berühren: Unsere vorchristliche Erinnerung. Für ihn enden unsere Wurzeln nicht mit dem Christentum. Er liebte alte Sagen, Märchen, Symbole und Texte. In ihnen ist uraltes Wissen enthalten. Die Bräuche und Riten wurden von der Inquisition (übrigens bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) systematisch ausgelöscht, und neben oben genannten Sagen und Märchen etc. sind es alte Beichtspiegel, die uns manches erhalten haben. Dort wurden die christlichen Strafen für die Ausübung heidnischer Bräuche aufgelistet und beide Seiten niedergeschrieben. Vielleicht liegt der Zauber der Texte auch ein wenig darin, dass sie eine unbewusste archaische Erinnerung wecken. Die Urseele als "materia omnium formarum".

musica magica

Die Magie der Musik lässt sich von der Magie der Worte nicht trennen. Orff gelingt die geniale Synthese. Die Invokation der Göttin Fortuna trifft ins Mark, monumentaler und archaischer kann man die Göttin nicht anrufen: Groß und zugleich in Demut vor dem Schicksal, beschwörend und hadernd, im Puls des Universums und absolut im Hier und Jetzt. Das Elementare ist das Schicksalhafte. Es zieht sich durch das gesamte Werk (und wird am Ende sogar noch einmal wiederholt!). "Nicht die Pracht vieler Töne, sondern die Kraft weniger Töne ist es, die seine musikalische Sprache so faszinierend macht", schrieb Wilhelm Killmayer. Klare Rhythmen, große, akkordische Klangsäulen, einfache Melodien, Bordune und Repetitionen. "Urkräfte und Urformen" machen seine Musik aus.
Orff selbst schrieb nach der Uraufführung (1937) an seinen Verleger: "Alles, was ich bisher geschrieben und Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen". Die Nationalsozialisten kritisierten dagegen die "Jazzstimmung" des Werkes und bezeichneten es als "bayrische Niggermusik".
Magie der Musik? Warum geht ein guter Rhythmus "ins Blut"? Und eine schöne Melodie "zu Herzen"? Orff alterniert, und gerade diese Wechselbäder zwischen fast intimer Innigkeit (Nr. 3, 8, 21! etc.) und überschäumender Rhythmik (Nr. 9, 14, 20 etc.) lassen den Zuhörer atemlos werden.
Verzaubert eben...

imaginibus magicis

Der Untertitel der "Carmina Burana" lautet vollständig: "Cantiones profanae cantoribus et choris cantandae comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis", "weltliche Gesänge für Soli, Chor, Instrumente und magische Bilder". Orff hat bereits zuvor bei einer Aufführung einer J. S. Bach zugeordneten Passion Bild-Projektionen auf eine Leinwand hinter dem Chor werfen lassen. Er war auf der Suche nach einem Gesamtkunstwerk, das an die Wurzeln der Musik geht, an die Wurzeln der Sprache, der Kultur und des persönlichen Erlebens.
Musik, Sprache und Kultur hat er großmeisterlich in seine "Burana" hineingenommen, das persönliche Erleben ist Sache des Einzelnen. Jeder hat seine eigenen Bilder, Emotionen und Assoziationen. Lassen Sie sich von den "magischen Bildern" die Fortuna, Amor, Blanziflor und Helena in Ihnen hervorrufen, verzaubern... und von Carl Orff, dem musicus magicus!

Andrea Fessmann Letzing

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